Certified Rating Analyst

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Vorwort

zum Buch "Certified Rating Analyst"

von Dr. Oliver Everling, Herausgeber

 
  Dies ist für Ratinganalysten das erste Lehr- und Lernbuch in deutscher Sprache. Nach meinen Recherchen dürfte es auch international kaum einen vergleichbaren Titel geben, zumindest kann ich dies für im Buchhandel befindliche Titel in chinesischer, englischer, französischer, italienischer, persischer, portugiesischer, spanischer, rumänischer und russischer Sprache ausschließen; für Nachforschungen in weiteren Sprachen erwarte ich kaum andere Ergebnisse. Die Aufgaben des „Ratinganalysten“ haben zwar in den Finanzsystemen in Amerika, Asien, Europa und auch in Afrika ihren festen Platz, spiegeln sich aber kaum in der Literatur.

Das mag den Studierenden insofern erstaunen, als dass doch Ratingagenturen zumindest in Amerika bereits seit einem Jahrhundert unverändert mit den für sie typischen Symbolen wie AAA oder BB ihre Urteile veröffentlichen. Die führenden wie auch viele andere Agenturen sind in Medienkonzerne eingebunden beziehungsweise gingen aus Verlagen hervor. Die erste Publikation der Ratings von John Moody im Jahre 1909 wurde in der Art eines Buches angeboten, das wichtige Unternehmensdaten und Ratings von Eisenbahngesellschaften enthielt. Schon in den 1920er Jahren nahm John Moody – wie auch andere Agenturen – die Aufgabe des Ratings nicht mehr alleine wahr, sondern bediente sich der Analysten, die dazu besondere Expertise entwickelten. Warum wurden daher nicht schon früher Bücher veröffentlicht, die gezielt der Lehre und Ausbildung im Rating dienten?

Obwohl es die international führenden Ratingagenturen Fitch Ratings, Moody’s Investors Service (Moody’s) und Standard & Poor’s (S&P’s) schon in ihren Anfängen auch mit kleineren Konkurrenten und Nachahmern zu tun hatten, zeigte sich bald eine erhebliche Marktkonzentration. Aufgrund kapitalmarktstruktureller Faktoren war das Ratinggeschäft in den 1950er und 1960er Jahren – unter den Bedingungen des Bretton-Woods-Systems – de facto eine Angelegenheit von wenigen Analysten im „Big Apple“ von New York. Das sollte sich erst ändern, als am 21. Juni 1970 das amerikanische Finanzsystem durch Penn Central (Pennsylvania and New York Central Transportation Company) mit der bis dahin größten Insolvenz der US-Wirtschaftsgeschichte schockiert wurde. Die Zahlungsunfähigkeit dieser Gesellschaft erschütterte nicht nur tausende von Haushalte, die auf das Einkommen angewiesen waren, sondern von noch mehr Anlegern, die Anleihen der Gesellschaft gezeichnet hatten und nun vor dem Verlust ihrer Ersparnisse standen. Ferner brach das am 22. Juli 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods (New Hampshire, USA) von 44 Staaten noch während des Zweiten Weltkrieges beschlossene Währungssystem mit festen Wechselkursen 1971 zusammen, so dass die Komplexität der Finanzanalyse auch dadurch rasch anstieg.

Ratingagenturen geben Investoren mit ihren Klassifizierungen die notwendigen Hilfestellungen, um die wirtschaftliche Fähigkeit, rechtliche Bindung und Willigkeit von Emittenten zu untersuchen, ihre zwingend fälligen Zahlungsverpflichtungen stets vollständig und rechtzeitig nachzukommen. Mit ihren Ratings erlauben die Agenturen eine erste Einschätzung auf einen Blick, denn wie eine Schulnote fassen Ratinganalysten die Quintessenz ihrer Beurteilung in einem einzigen Symbol zusammen. Der Grundgedanke des Ratings ist so einfach, dass er buchstäblich jedem Schulkind schnell begreifbar gemacht werden kann. Die Treffgenauigkeit ihrer Urteile ließ die Publikationen der Ratingagenturen schnell auf die Stärke von Telefonbüchern anschwellen. Wie bei Verlagen für Telefon- oder Wörterbücher bestehen auch bei Ratingagenturen erhebliche wirtschaftliche Skaleneffekte in der Konzentration des Wissens und Zusammenführung aller Beurteilungen nach einheitlichen Maßstäben. Für die Konzentration des Ratingmarktes gibt es daher plausible ökonomische Gründe. Noch heute schätzen allein die führenden Agenturen Moody’s und S&P’s, nicht nur rund 80 % der gesamten Weltkapitalströme zu kontrollieren, sondern auch annähernd 80 % des weltweiten Ratingmarktes – gemessen an Umsätzen – auf sich zu vereinigen. Als Fitch Investors Service Ende der 1980er Jahre zudem noch von der Eigentümerfamilie zum Verkauf gestellt wurde, konzentrierten sich die Marktanteile bei Moody’s und S&P’s. Erst Ende der 1990er Jahre gelang es Fitch Ratings, sich nach einer Vielzahl von Fusionen und Übernahmen kleinerer Agenturen im Ausland als dritte Agentur zu positionieren, gefolgt von DBRS aus Kanada.

Erst die Wettbewerber Fitch und DBRS brachen das einstige Tabu, die qualifiziertesten Analysten auch von ihren Konkurrenten abzuwerben und sich überlegenes Knowhow einzukaufen. Dadurch veränderte sich der Arbeitsmarkt für Ratinganalysten: Früher fingen sie als „Juniors“ bei Moody’s oder S&P’s an, stiegen zum „Senior“ auf und hatten kaum alternative Aufstiegschancen beim Konkurrenten. Manche verbrachten fast ihr ganzes Arbeitsleben bei einer Agentur, während andere den Verlockungen von Investmentbanken folgten, die mit teils vielfach höheren Gehältern die Analysten aus der „Schule der Agenturen“ abwarben. Eine Ratinganalystenausbildung außerhalb der Hochhäuser Manhattans gab es praktisch nicht. Die Philosophie zumindest der früheren Führungskräfte von Moody’s und S&P’s zielte darauf, Kenntnisse und Verfahrensweisen im Rating in der Art eines Betriebsgeheimnisses zu schützen; angesichts der Gewinne durch hohe Ratinggebühren konnte kaum ein Interesse an der öffentlichen Verbreitung des notwendigen Wissens bestehen. Heute müssen umgekehrt Investmentbanken befürchten, ihre besten Analysten an die Ratingagenturen zu verlieren, da sich die Ausbildung in Ratingfragen unter anderem auch auf agenturexterne Träger verlagert hat.

Im historischen Rückblick dürfte der Wende 1989 eine übergeordnete Bedeutung für die Entwicklung der Ratingbranche beigemessen werden. In zentralverwaltungswirtschaftlichen Systemen haben Ratingagenturen kaum Platz: Nur unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ist es interessant der Frage nachzugehen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit der Zahlungsunfähigkeit einer wirtschaftlichen Einheit einzuschätzen ist. Wer mit öffentlichen Garantien und staatlich kontrolliert nach Plan arbeitet, für den sind Ratings von marginaler Bedeutung. Ende der 1980er Jahre wurden daher nicht nur in Nord-, Mittel- und Südamerika, sondern auch in Asien, Europa und Afrika Ratingagenturen insbesondere auch in den Ländern gegründet, die unter kommunistischer Führung standen bzw. noch stehen. Obwohl die führenden amerikanischen Agenturen in der letzten Dekade dazu übergegangen sind, diese kleineren Wettbewerber in verschiedenen Ländern aufzukaufen, so dürfte doch die Vermutung einige Plausibilität haben, dass es langfristig nicht bei einem – nach den Lehren der Mikroökonomie – beschränkten Duopol bleiben wird, sondern es zu einem beschränkten Oligopol kommt, in dem auch unabhängige Ratingagenturen in Asien oder sogar in Europa eine Rolle spielen könnten.

Angesichts der immensen volkswirtschaftlichen Bedeutung unabhängiger Ratings für die effiziente Allokation der Ressource „Kapital“ darf ferner damit gerechnet werden, dass der Aus- und Weiterbildung von Ratinganalysten nicht nur innerhalb der Ratingagenturen, sondern auch von Seiten der Teilnehmer an den Finanzmärkten sowie der Finanzdienstleistungsaufsicht erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wie bei vielen anderen Berufen könnte auch bei Ratingagenturen der Schlüssel ihres guten Funktionierens in der Qualifikation ihrer Mitarbeiter gesehen werden. Zurzeit gibt es diesbezüglich keinerlei wirksame Kontrolle; die Agenturen sind grundsätzlich in der Wahl der Personen völlig frei, denen sie das Rating von Emittenten überlassen. So ist es kaum ganz auszuschließen, dass im Vorteilhaftigkeitskalkül der erwerbswirtschaftlich geführten und teils börsennotierten Ratingagenturen etwa berufsethische Aspekte der Unternehmensführung zu kurz kommen. Die weltweit von Notenbankpräsidenten und Aufsichtsbehörden artikulierten Forderungen nach einer schärferen Trennung von Rating und Beratung deuten in diese Richtung.
Viele der Entwicklungen, die den Bedarf für eine Ausbildung zum „Certified Rating Analyst“ heute offensichtlich machen, waren kaum absehbar, als 1999 in Deutschland die ersten Schritte hin zu einem Ausbildungsangebot gemacht wurden. Insbesondere waren die Konsequenzen der neuen Eigenkapitalvereinbarung für Banken nach Basel II nur grob einschätzbar. Das erste Konsultationspapier war nur wenige Tage alt, als ich mich im Sommer 1999 erstmalig in Frankfurt mit Vertretern des Zentrums für Weiterbildung und Wissenstransfer von der Universität Augsburg traf, um über Inhalte und Ablauf eines Zertifikatskurses zum Ratinganalysten nachzudenken. Schon der dann realisierte, erste Durchgang war ein Erfolg, und bereits aus dem ersten Kurs gingen nicht nur Ratinganalysten, Ratingexperten in Banken und Berater hervor, die ihre Dienste als Rating Advisors Unternehmen zur Verfügung stellen konnten, sondern auch Initiativen für weitere Bildungsangebote zum Rating. Das geschaffene Modell einer Ausbildung zum „Certified Rating Analyst“ fand rasch auch an anderen Hochschulen eine erfolgreiche Entsprechung.

Gemeinsam ist diesen Angeboten, dass sie zum Abschluss eines zertifizierten Ratinganalysten führen. Diesen Titel zu pflegen und zu schützen, ist ein Anliegen des Bundesverbandes der Ratinganalysten und Ratingadvisor e. V., der schon 1999 Grundsätze des Unternehmensratings veröffentlichte – also lange bevor US-Agenturen damit begannen, sich mit einem Wohlverhaltenskodex zu befassen. Dass an die Arbeit von Ratinganalysten bestimmte ethische Mindeststandards angelegt werden müssen, darüber besteht inzwischen internationaler Konsens. Hinsichtlich der Umsetzung in die Praxis gehen die Agenturen jedoch unterschiedliche Wege.

Unterschiedliche Wege führen auch zu dem inzwischen begehrten Titel des „Certified Rating Analyst“. Da es sich nicht um eine staatlich geschützte Bezeichnung handelt, lockte die Nachfrage leider auch schon Ausbildungsträger an, deren Sachkompetenz umstritten ist; in einem Fall musste gegen den Initiator wegen Betrugs ermittelt werden. Transparenz über die zu vermittelnde Materie, die Inhalte der Prüfungen, den Ablauf der Ausbildungsgänge und die Qualifikation der Referenten trägt – wie das vorliegende Buch – dazu bei, möglichen Entwicklungen von Missständen schon im Keim entgegenzutreten.

Die Autoren dieses Buches wurden ausschließlich aus dem Kreis erfahrener Referenten und Dozenten gewählt. Damit wird gewährleistet, dass die über Jahre hinweg gewonnenen praktischen Erfahrungen mit dem Kenntnisstand und den Fragen der Teilnehmer von Ausbildungen zum „Certified Rating Analyst“ berücksichtigt werden. In den Teilnehmerkreisen dominieren zwar Praktiker, die zuvor bereits akademische Titel zum Beispiel in den Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften erworben haben, jedoch kann die Zusammensetzung doch als heterogen bezeichnet werden: Schon vom Alter her springt hervor, dass nicht nur junge Leute, die beispielsweise ihr Studium als „Diplom-Kaufmann“ bzw. mit einem Mastertitel abgeschlossen und einige Jahre Berufserfahrung in der Finanzwirtschaft gesammelt haben, diesen Titel anstreben, sondern auch erfahrene Banker, Consultants, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer bis hin zu Geschäftsführern mittelständischer Unternehmen.

Das vorliegende Buch kann den Besuch eines Ausbildungsganges zum „Certified Rating Analyst“ nicht ersetzen. Es kann auch nicht annähernd alle Unterlagen bereitstellen, die im Zuge der Ausbildung von den Teilnehmern durchgearbeitet werden müssen. Hier bleiben die Ausbildungsträger gefordert, die notwendigen Materialien bereitzustellen. Dieses Buch kann aber einen ersten Überblick über die Materie vermitteln und ein steter Begleiter in der Ausbildung sein, denn hier werden von Dozenten auch Fragen und Lösungsskizzen aufgezeigt, wie sie praktisch Einsatz finden.

Mit dem Titel „Certified Rating Analyst“ sind nicht nur diejenigen angesprochen, die eine Tätigkeit als Ratinganalyst anstreben, vielmehr auch alle, die als Rating Advisors mit der Beratung in Ratingfragen befasst sind. Wer Ratingprozesse vorbereiten oder Unternehmen zu einem besseren Rating verhelfen will, muss wissen, worauf es Ratinganalysten in der Praxis ankommt. Wer sich mit den spezifischen Problemstellungen im ratingbezogenen Consulting befassen will, kann darüber hinaus zu dem Titel „Rating Advisory“ greifen, den ich 2003 mit Frau Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner in der Buchreihe von Gabler und der Financial Times Deutschland herausgab.

Dieses Buch ist nur durch das Zusammenwirken zahlreicher Personen möglich geworden. An vorderster Stelle danke ich den Autoren, die durch ihre fachlichen Beiträge verschiedene Aspekte des Themas beleuchtet haben, für die Projektbetreuung Frau Sonja Hackling sowie Frau My Linh Trieu von der RATING EVIDENCE GmbH wie auch Herrn Dr. Jürgen Schechler aus der Leitung des Lektorats Wirtschafts- und Sozialwissenschaften beim Oldenbourg Wissenschaftsverlag. Kommentare und Anregungen unserer Leser greifen wir gern auf: Bitte zögern Sie nicht, den Herausgeber per E-Mail an "info @ everling . de" zu kontaktieren!

Frankfurt am Main im November 2007
Dr. Oliver Everling
 

   
   

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