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Dies ist für
Ratinganalysten das erste Lehr- und Lernbuch in
deutscher Sprache. Nach meinen Recherchen dürfte es
auch international kaum einen vergleichbaren Titel
geben, zumindest kann ich dies für im Buchhandel
befindliche Titel in chinesischer, englischer,
französischer, italienischer, persischer,
portugiesischer, spanischer, rumänischer und
russischer Sprache ausschließen; für Nachforschungen
in weiteren Sprachen erwarte ich kaum andere
Ergebnisse. Die Aufgaben des „Ratinganalysten“ haben
zwar in den Finanzsystemen in Amerika, Asien, Europa
und auch in Afrika ihren festen Platz, spiegeln sich
aber kaum in der Literatur. Das mag den
Studierenden insofern erstaunen, als dass doch
Ratingagenturen zumindest in Amerika bereits seit
einem Jahrhundert unverändert mit den für sie
typischen Symbolen wie AAA oder BB ihre Urteile
veröffentlichen. Die führenden wie auch viele andere
Agenturen sind in Medienkonzerne eingebunden
beziehungsweise gingen aus Verlagen hervor. Die
erste Publikation der Ratings von John Moody im
Jahre 1909 wurde in der Art eines Buches angeboten,
das wichtige Unternehmensdaten und Ratings von
Eisenbahngesellschaften enthielt. Schon in den
1920er Jahren nahm John Moody – wie auch andere
Agenturen – die Aufgabe des Ratings nicht mehr
alleine wahr, sondern bediente sich der Analysten,
die dazu besondere Expertise entwickelten. Warum
wurden daher nicht schon früher Bücher
veröffentlicht, die gezielt der Lehre und Ausbildung
im Rating dienten?
Obwohl es die international führenden
Ratingagenturen Fitch Ratings, Moody’s Investors
Service (Moody’s) und Standard & Poor’s (S&P’s)
schon in ihren Anfängen auch mit kleineren
Konkurrenten und Nachahmern zu tun hatten, zeigte
sich bald eine erhebliche Marktkonzentration.
Aufgrund kapitalmarktstruktureller Faktoren war das Ratinggeschäft in den 1950er und 1960er Jahren –
unter den Bedingungen des Bretton-Woods-Systems – de
facto eine Angelegenheit von wenigen Analysten im
„Big Apple“ von New York. Das sollte sich erst
ändern, als am 21. Juni 1970 das amerikanische
Finanzsystem durch Penn Central (Pennsylvania and
New York Central Transportation Company) mit der bis
dahin größten Insolvenz der US-Wirtschaftsgeschichte
schockiert wurde. Die Zahlungsunfähigkeit dieser
Gesellschaft erschütterte nicht nur tausende von
Haushalte, die auf das Einkommen angewiesen waren,
sondern von noch mehr Anlegern, die Anleihen der
Gesellschaft gezeichnet hatten und nun vor dem
Verlust ihrer Ersparnisse standen. Ferner brach das
am 22. Juli 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods
(New Hampshire, USA) von 44 Staaten noch während des
Zweiten Weltkrieges beschlossene Währungssystem mit
festen Wechselkursen 1971 zusammen, so dass die
Komplexität der Finanzanalyse auch dadurch rasch
anstieg.
Ratingagenturen geben Investoren mit ihren
Klassifizierungen die notwendigen Hilfestellungen,
um die wirtschaftliche Fähigkeit, rechtliche Bindung
und Willigkeit von Emittenten zu untersuchen, ihre
zwingend fälligen Zahlungsverpflichtungen stets
vollständig und rechtzeitig nachzukommen. Mit ihren
Ratings erlauben die Agenturen eine erste
Einschätzung auf einen Blick, denn wie eine
Schulnote fassen Ratinganalysten die Quintessenz
ihrer Beurteilung in einem einzigen Symbol zusammen.
Der Grundgedanke des Ratings ist so einfach, dass er
buchstäblich jedem Schulkind schnell begreifbar
gemacht werden kann. Die Treffgenauigkeit ihrer
Urteile ließ die Publikationen der Ratingagenturen
schnell auf die Stärke von Telefonbüchern
anschwellen. Wie bei Verlagen für Telefon- oder
Wörterbücher bestehen auch bei Ratingagenturen
erhebliche wirtschaftliche Skaleneffekte in der
Konzentration des Wissens und Zusammenführung aller
Beurteilungen nach einheitlichen Maßstäben. Für die
Konzentration des Ratingmarktes gibt es daher
plausible ökonomische Gründe. Noch heute schätzen
allein die führenden Agenturen Moody’s und S&P’s,
nicht nur rund 80 % der gesamten Weltkapitalströme
zu kontrollieren, sondern auch annähernd 80 % des
weltweiten Ratingmarktes – gemessen an Umsätzen –
auf sich zu vereinigen. Als Fitch Investors Service
Ende der 1980er Jahre zudem noch von der
Eigentümerfamilie zum Verkauf gestellt wurde,
konzentrierten sich die Marktanteile bei Moody’s und
S&P’s. Erst Ende der 1990er Jahre gelang es Fitch
Ratings, sich nach einer Vielzahl von Fusionen und
Übernahmen kleinerer Agenturen im Ausland als dritte
Agentur zu positionieren, gefolgt von DBRS aus
Kanada.
Erst die Wettbewerber Fitch und DBRS brachen das
einstige Tabu, die qualifiziertesten Analysten auch
von ihren Konkurrenten abzuwerben und sich
überlegenes Knowhow einzukaufen. Dadurch veränderte
sich der Arbeitsmarkt für Ratinganalysten: Früher
fingen sie als „Juniors“ bei Moody’s oder S&P’s an,
stiegen zum „Senior“ auf und hatten kaum alternative
Aufstiegschancen beim Konkurrenten. Manche
verbrachten fast ihr ganzes Arbeitsleben bei einer
Agentur, während andere den Verlockungen von
Investmentbanken folgten, die mit teils vielfach
höheren Gehältern die Analysten aus der „Schule der
Agenturen“ abwarben. Eine Ratinganalystenausbildung
außerhalb der Hochhäuser Manhattans gab es praktisch
nicht. Die Philosophie zumindest der früheren
Führungskräfte von Moody’s und S&P’s zielte darauf,
Kenntnisse und Verfahrensweisen im Rating in der Art
eines Betriebsgeheimnisses zu schützen; angesichts
der Gewinne durch hohe Ratinggebühren konnte kaum
ein Interesse an der öffentlichen Verbreitung des
notwendigen Wissens bestehen. Heute müssen umgekehrt
Investmentbanken befürchten, ihre besten Analysten
an die Ratingagenturen zu verlieren, da sich die
Ausbildung in Ratingfragen unter anderem auch auf
agenturexterne Träger verlagert hat.
Im historischen Rückblick dürfte der Wende 1989
eine übergeordnete Bedeutung für die Entwicklung der
Ratingbranche beigemessen werden. In
zentralverwaltungswirtschaftlichen Systemen haben
Ratingagenturen kaum Platz: Nur unter
marktwirtschaftlichen Bedingungen ist es interessant
der Frage nachzugehen, wie hoch die
Wahrscheinlichkeit der Zahlungsunfähigkeit einer
wirtschaftlichen Einheit einzuschätzen ist. Wer mit
öffentlichen Garantien und staatlich kontrolliert
nach Plan arbeitet, für den sind Ratings von
marginaler Bedeutung. Ende der 1980er Jahre wurden
daher nicht nur in Nord-, Mittel- und Südamerika,
sondern auch in Asien, Europa und Afrika
Ratingagenturen insbesondere auch in den Ländern
gegründet, die unter kommunistischer Führung standen
bzw. noch stehen. Obwohl die führenden
amerikanischen Agenturen in der letzten Dekade dazu
übergegangen sind, diese kleineren Wettbewerber in
verschiedenen Ländern aufzukaufen, so dürfte doch
die Vermutung einige Plausibilität haben, dass es
langfristig nicht bei einem – nach den Lehren der
Mikroökonomie – beschränkten Duopol bleiben wird,
sondern es zu einem beschränkten Oligopol kommt, in
dem auch unabhängige Ratingagenturen in Asien oder
sogar in Europa eine Rolle spielen könnten.
Angesichts der immensen volkswirtschaftlichen
Bedeutung unabhängiger Ratings für die effiziente
Allokation der Ressource „Kapital“ darf ferner damit
gerechnet werden, dass der Aus- und Weiterbildung
von Ratinganalysten nicht nur innerhalb der
Ratingagenturen, sondern auch von Seiten der
Teilnehmer an den Finanzmärkten sowie der
Finanzdienstleistungsaufsicht erhöhte Aufmerksamkeit
geschenkt wird. Wie bei vielen anderen Berufen
könnte auch bei Ratingagenturen der Schlüssel ihres
guten Funktionierens in der Qualifikation ihrer
Mitarbeiter gesehen werden. Zurzeit gibt es
diesbezüglich keinerlei wirksame Kontrolle; die
Agenturen sind grundsätzlich in der Wahl der
Personen völlig frei, denen sie das Rating von
Emittenten überlassen. So ist es kaum ganz
auszuschließen, dass im Vorteilhaftigkeitskalkül der
erwerbswirtschaftlich geführten und teils
börsennotierten Ratingagenturen etwa berufsethische
Aspekte der Unternehmensführung zu kurz kommen. Die
weltweit von Notenbankpräsidenten und
Aufsichtsbehörden artikulierten Forderungen nach
einer schärferen Trennung von Rating und Beratung
deuten in diese Richtung.
Viele der Entwicklungen, die den Bedarf für eine
Ausbildung zum „Certified Rating Analyst“ heute
offensichtlich machen, waren kaum absehbar, als 1999
in Deutschland die ersten Schritte hin zu einem
Ausbildungsangebot gemacht wurden. Insbesondere
waren die Konsequenzen der neuen
Eigenkapitalvereinbarung für Banken nach Basel II
nur grob einschätzbar. Das erste Konsultationspapier
war nur wenige Tage alt, als ich mich im Sommer 1999
erstmalig in Frankfurt mit Vertretern des Zentrums
für Weiterbildung und Wissenstransfer von der
Universität Augsburg traf, um über Inhalte und
Ablauf eines Zertifikatskurses zum Ratinganalysten
nachzudenken. Schon der dann realisierte, erste
Durchgang war ein Erfolg, und bereits aus dem ersten
Kurs gingen nicht nur Ratinganalysten,
Ratingexperten in Banken und Berater hervor, die
ihre Dienste als Rating Advisors Unternehmen zur
Verfügung stellen konnten, sondern auch Initiativen
für weitere Bildungsangebote zum Rating. Das
geschaffene Modell einer Ausbildung zum „Certified
Rating Analyst“ fand rasch auch an anderen
Hochschulen eine erfolgreiche Entsprechung.
Gemeinsam ist diesen Angeboten, dass sie zum
Abschluss eines zertifizierten Ratinganalysten
führen. Diesen Titel zu pflegen und zu schützen, ist
ein Anliegen des Bundesverbandes der Ratinganalysten
und Ratingadvisor e. V., der schon 1999 Grundsätze
des Unternehmensratings veröffentlichte – also lange
bevor US-Agenturen damit begannen, sich mit einem
Wohlverhaltenskodex zu befassen. Dass an die Arbeit
von Ratinganalysten bestimmte ethische
Mindeststandards angelegt werden müssen, darüber
besteht inzwischen internationaler Konsens.
Hinsichtlich der Umsetzung in die Praxis gehen die
Agenturen jedoch unterschiedliche Wege.
Unterschiedliche Wege führen auch zu dem
inzwischen begehrten Titel des „Certified Rating
Analyst“. Da es sich nicht um eine staatlich
geschützte Bezeichnung handelt, lockte die Nachfrage
leider auch schon Ausbildungsträger an, deren
Sachkompetenz umstritten ist; in einem Fall musste
gegen den Initiator wegen Betrugs ermittelt werden.
Transparenz über die zu vermittelnde Materie, die
Inhalte der Prüfungen, den Ablauf der
Ausbildungsgänge und die Qualifikation der
Referenten trägt – wie das vorliegende Buch – dazu
bei, möglichen Entwicklungen von Missständen schon
im Keim entgegenzutreten.
Die Autoren dieses Buches wurden ausschließlich
aus dem Kreis erfahrener Referenten und Dozenten
gewählt. Damit wird gewährleistet, dass die über
Jahre hinweg gewonnenen praktischen Erfahrungen mit
dem Kenntnisstand und den Fragen der Teilnehmer von
Ausbildungen zum „Certified Rating Analyst“
berücksichtigt werden. In den Teilnehmerkreisen
dominieren zwar Praktiker, die zuvor bereits
akademische Titel zum Beispiel in den Wirtschafts-
oder Rechtswissenschaften erworben haben, jedoch
kann die Zusammensetzung doch als heterogen
bezeichnet werden: Schon vom Alter her springt
hervor, dass nicht nur junge Leute, die
beispielsweise ihr Studium als „Diplom-Kaufmann“
bzw. mit einem Mastertitel abgeschlossen und einige
Jahre Berufserfahrung in der Finanzwirtschaft
gesammelt haben, diesen Titel anstreben, sondern
auch erfahrene Banker, Consultants, Steuerberater,
Wirtschaftsprüfer bis hin zu Geschäftsführern
mittelständischer Unternehmen.
Das vorliegende Buch kann den Besuch eines
Ausbildungsganges zum „Certified Rating Analyst“
nicht ersetzen. Es kann auch nicht annähernd alle
Unterlagen bereitstellen, die im Zuge der Ausbildung
von den Teilnehmern durchgearbeitet werden müssen.
Hier bleiben die Ausbildungsträger gefordert, die
notwendigen Materialien bereitzustellen. Dieses Buch
kann aber einen ersten Überblick über die Materie
vermitteln und ein steter Begleiter in der
Ausbildung sein, denn hier werden von Dozenten auch
Fragen und Lösungsskizzen aufgezeigt, wie sie
praktisch Einsatz finden.
Mit dem Titel „Certified Rating Analyst“ sind
nicht nur diejenigen angesprochen, die eine
Tätigkeit als Ratinganalyst anstreben, vielmehr auch
alle, die als Rating Advisors mit der Beratung in
Ratingfragen befasst sind. Wer Ratingprozesse
vorbereiten oder Unternehmen zu einem besseren
Rating verhelfen will, muss wissen, worauf es
Ratinganalysten in der Praxis ankommt. Wer sich mit
den spezifischen Problemstellungen im
ratingbezogenen Consulting befassen will, kann
darüber hinaus zu dem Titel „Rating Advisory“
greifen, den ich 2003 mit Frau Prof. Dr. Dr.
Ann-Kristin Achleitner in der Buchreihe von Gabler
und der Financial Times Deutschland herausgab.
Dieses Buch ist nur durch das Zusammenwirken
zahlreicher Personen möglich geworden. An vorderster
Stelle danke ich den Autoren, die durch ihre
fachlichen Beiträge verschiedene Aspekte des Themas
beleuchtet haben, für die Projektbetreuung Frau
Sonja Hackling sowie Frau My Linh Trieu von der
RATING EVIDENCE GmbH wie auch Herrn Dr. Jürgen
Schechler aus der Leitung des Lektorats Wirtschafts-
und Sozialwissenschaften beim Oldenbourg
Wissenschaftsverlag. Kommentare und Anregungen
unserer Leser greifen wir gern auf: Bitte zögern Sie
nicht, den Herausgeber per E-Mail an "info @
everling . de" zu kontaktieren!
Frankfurt am Main im November 2007
Dr. Oliver Everling
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